Elizabeth Patterson die erste Ehefrau von Jérôme Bonaparte

(*Baltimore 06. Februar 1785; + Baltimore 04. April 1879)

(Abschriften und Zusammenstellung durch: Rolf Willmanns)

 

Kurzbiographie

 

Elizabeth Patterson war die Tochter des irischen Auswanderers William Patterson, der sich am Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg beteiligt hatte und als Kaufmann in Baltimore zum zweitreichsten Mann Marylands aufgestiegen war.

 

Während seines Aufenthalts in den USA lernte Jérôme Bonaparte in Baltimore Elizabeth kennen und lieben. Nach nur zwei Monaten, am 24. Dezember 1803, wurde das Paar in der Kathedrale von Baltimore vom dortigen Erzbischof John Carroll getraut. Napoléon Bonaparte, Kaiser der Franzosen, hatte diese Ehe nie anerkannt. Als Jérôme 1805 nach Frankreich zurückkehrte, wurde seiner schwangeren Ehefrau die Einreise nach Frankreich verweigert. Sie musste in London ihren Sohn Jérôme Napoléon zur Welt bringen. Napoléon Bonaparte annullierte diese Ehe und vermählte seinen Bruder Jérôme mit der württembergischen Prinzessin Katharina, um die Bande zwischen Württemberg und Frankreich zu stärken.

 

Elizabeth kehrte später mit ihrem Sohn Jérôme Napoléon zurück nach Baltimore. Am 04. April 1879 verstarb Elizabeth in Baltimore im Alter von 94 Jahren.

 

Elizabeths Sohn Jérôme Napoléon begründete die amerikanische Linie der Familie Bonaparte.

 

In der Zeit zwischen 1805 und 1833 fand ein reger Briefwechsel zwischen Elizabeth Patterson, jetzt genannt Madame Jérôme Bonaparte, und ihrem Vater statt. Es ist zu finden unter:

 

„Briefe der Madame Jérôme Bonaparte (Elisabeth Patterson)“

von Henry Perl,

Leipzig Verlag H. Schmidt & C. Günther

1900

 

 

Vorwort von Henry Perl (Auszugsweise)

 

Die in den letzten Jahren neu erwachte Vorliebe des Lesepublikums für Memoirenliteratur wie für den im Zusammenhange damit stehenden Style-Epistolaire ist keine zufällige Erscheinung, sondern das logische Ergebnis der literarischen Bewegung, die dieser Geschmacksrichtung voranging.

 

Der Drang nach Erkenntnis, das unablässige Suchen nach Wahrheit, die sich auf allen Gebieten des Wissens in erhöhtem Masse offenbarten, als dies jemals zuvor der Fall gewesen, schlichen sich während der letzten Jahrzehnte des nunmehr ablaufenden Säkulums auch in die sogenannte Unterhaltungslektüre ein.

 

Die Briefe von Madame Jérôme Bonaparte (Elisabeth Patterson), der ersten und rechtmässigsten Gemahlin des Prinzen Jérôme Bonaparte, nachmaligem König von Westphalen, an ihren in Baltimore lebenden Vater, gewähren aus einen genauen Einblick in das Leben dieser in historischer wie psychologischer Hinsicht gleich interessanten und hervorragenden Frau.

 

Das in aller Welt lebendig rege Interesse für die napoleonische Zeit, und die merkwürdigen Persönlichkeiten, die sie hervorgebracht hat, vereinigt sich hier mit der individuellen Teilnahme für eine durch seltene Schönheit  sich auszeichnende, ebenso tugendhafte, als ungewöhnlich kluge Frau, deren unbeugsamer Sinn bis ins höchste Greisenalter hinauf – sie starb mit vierundneunzig Jahren – sie festhalten hiess an dem, auf was sie mit Fug und Recht als auf ihre geheiligte Prärogative wies. Elisabeth Patterson, die nordamerikanische Bürgerstochter, die ihr Lebensdämon zur Schwägerin des ersten Napoléon und rasch genug, noch bei Lebzeiten ihres Gatten zur Wittwe gemacht, verkörperte, - während einer Reihe von Dezennien – als lebendes Monument: „Das Opfer“ der sprichwörtlich gewordenen „Wortbrüchigkeit der Napoleoniden“.

 

Dass die Heldin dieses romantischen Lebenslaufes auch sozusagen die Verfasserin des Buches ist, das uns einen so tiefen Einblick in das abenteuerliche Geschick der Elisabeth Patterson thun lässt, macht diese Publikation doppelt anziehend.

 

Oder liest es sich nicht wie das erste Kapitel eines auf billige Spannung berechneten Romans, wenn wir hören, wie das Verhängnis in Gestalt eines verführerischen, von Glanz und zukünftiger Macht umstrahlten Freiers die kaum Achtzehnjährige, jenseits des Ozeans in dem quäkerhaft-stillen, wenn auch Wohlhabenheit atmenden Hause des Vaters, ereilte!

 

 

Jenseits des Oceans!

 

Man bedenke, was diese Worte vor beinahe hundert Jahren besagten, wo die glücklichsten Überfahrten zwischen sieben und neun Wochen währten!

 

Von dem Glanze und der Verderbtheit der Höfe durch das Weltmeer getrennt, mit puritanischer Sittenstrenge erzogen, schleuderte sie ein Schicksals-Orkan mitten hinein in den reissenden Wirbel der gewaltigsten und gewalttätigsten, alle Meere und Länder mit ihrem Lärm erfüllenden Familien- und Völker-Tragödie.

 

Gleich die ersten Briefe führen uns Elisabeth Patterson auf europäischem Boden vor. Sie sind an ihren in Baltimore ansässig gebliebenen Vater gerichtet, und schildern die Lebensstellung der kaum erst vermählten, und doch schon gewaltsam von ihrem Gatten getrennten, seelenstarken Frau.

 

Hier schon erscheint und „die schlichte Bürgerin“, „die ideale Dulderin“, von der uns traditionell bekannten, der Kolossalgruppe der Napoleoniden entnommenen Statistenfigur der Elisabeth Patterson grundverschieden.

 

Madame Jérôme Bonaparte, die bürgerliche Präsidentin, war weder die auf ihre republikanische Einfachheit stolze Tochter der nordamerikanischen Freiheit, wie sie des öfteren hingestellt ward, noch das, was man landläufig unter dem Worte „ ideale Dulderin“ verstehen würde. Ein Titel, der ihr wiederholt beigelegt wurde.

 

Eine starke, zielbewusste, mit seltener Geistesschärfe ausgerüstete Kämpferin um das, was sie als geheiligtes Recht ansah, so erscheint sie uns in ihren Briefen. Von der Nordamerikanerin hat sie bloss jene, „die Tochter der Union“ im Allgemeinen kennzeichnende Gefühlstemperatur. Eine Temperatur, die dem Wärmegrade kaum entspricht, den vorzugsweise deutsches Gemüt fordern würde, in einem Falle wie es der vorliegende ist.

 

Bei Madame Jérôme Bonaparte-Patterson gehen Klugheit und erwägender Verstand in jeder Lage als Sieger über die Eingebungen des Herzens hervor.

 

Sehr interessant ist auch die Stellung, die diese junge, unglaublich viel umschwärmte, aber vor jeder Verführung durch Willens- und Charakterstärke gefeite Frau für sich selbst nach dem Sturze Napoleons geltend zu machen wusste, und die Rolle, welche sie infolge derselben als bürgerliche Präsidentin in der englischen Gesellschaft spielte.

 

Der britische Boden hat sich auch für diese von den Höhen gestürzte, wiewohl nicht gekrönte Frau, wie jederzeit für alles, das hervorragend und bedeutend gewesen, als ein überaus gastfreundlicher erwiesen.

 

Übrigens hatte diese Tochter der Republik, wie wenige neben ihr, das Zeug zu einer wirklichen und wahrhaftigen monarchischen Präsidentin nach europäischem Zuschnitt in sich.

 

Sie besass zunächst jenen gewissen, nur ganz vereinzelte Frauen kennzeichnenden Ehrgeiz, denen die Herrschaft des Thronsaales nicht einmal genügt, geschweige die des Salons und Boudoirs.

 

Madame Jérôme Bonaparte war eine Frau wie zur Herrscherin geboren; eine Frau, aus der unter Umständen eine Katharina II von Russland hätte werden können.

 

Dieser Haupttriebfeder ihrer Veranlagung nach sich auszuleben, versagte ihr das Geschick, und zwar im Augenblicke, wo sie sich dem geträumten Ziel schon ganz nahe gesehen hatte.

 

Das künstliche Parfüm des europäischen Gesellschaftslebens, die Atmosphäre „der grossen Welt“ – die es damals jenseits des Oceans auch nicht einmal in der Imitation gab – sog sie indes mit unverhohlener Wollust ein.

 

Die Sprache der Huldigung, die europäische Galanterie für Frauen ersonnen und gebildet hat, berauschte ihr Ohr.

 

Die Rangesgliederung der Gesellschaft, die Amerika zur Zeit noch weniger kannte, wie heute, erschien ihr als wundertätiger Ansporn für die Anfeuerung der Geisteskräfte, wie für die Vervollkommnung des Menschen überhaupt. Aus diesem Grunde wollte sie auch ihren Sohn, den Neffen des Kaisers, um jeden Preis zum Europäer machen.

 

Sie selbst war offenbar unbewusst Europäerin, noch ehe sie den Fuss auf Europa’s Boden gesetzt hatte. Ihr Fühlen und Denken beweisen das.

 

Ein Roman des Ehrgeizes gab diesem Frauenleben, das gegen die Liebe beinahe immun gewesen zu sein scheint, das Schicksalsgepräge.

 

Nie hören wir sie klagen um den verlorenen Geliebten, ihren mit allen physischen Vorzügen ausgestatteten jugendlich-glühenden Werber, der sie, die kaum dem Kindesalter entwachsene, als Gattin nach dem so heiss ersehnten Lande der Kultur geleitet hat.

 

Freilich nicht, um sie seiner zur Zeit von allem Prädestinationsglanze gewaltiger Grösse umschimmerten Familie zuzuführen, sondern um sie, einer zweiten Ariadne gleich, zu verlassen. Doch sie fühlte nicht als echtes Weib, wie Ariadne, den Verlust des Geliebten, sondern bloss den Verlust der Machtstellung, in die sie sich vorzeitig hineingeträumt hatte, diesen aber mit der ganzen ungebrochenen Kraft ihrer ruhmbegierigen Weibnatur.

 

Nicht Liebe hiess sie den beschwerlichen Weg über’s Weltmeer im Gefolge des plötzlich wie ein Meteor Erschienenen zurücklegen, sondern brennender Ehrgeiz zog sie in die feurige Bahn, welche dieses vor ihren Blicken jählings aufgetauchten Glanzgestirn sich anschickte zu beschreiten.

 

Doch Elisabeth Patterson’s kühner Ehrgeiz, der doch nur der des einzelnen Weibes war, stand dem gigantischen Weltehrgeize jenes riesenhaften Gewaltmenschen im Wege, den sie mit traulichem Verwandtengruss grüssen zu wollen sich vermass und der sie auch beiseite stiess.

 

München, im Jänner 1900 Henry Perl

 

 

Einleitendes.

 

Die romantische Heirat Elisabeth Patterson’s aus Baltimore mit Jérôme Bonaparte, dem jüngsten Bruder Napoleons, sowie der traurige Ausgang diese unheilvollen Ehebundes, dürften den meisten Lesern bekannt sein. Schmachvoll verlassen von dem Manne, der ihr am Altar feierliche Treue fürs Leben geschworen hatte, bitter getäuscht in den Erwartungen eines glänzenden Daseins am französischen Kaiserhofe, in das sie sich vorschnell hineingeträumt, sehen wie Madame Bonaparte’s tapferen und entschlossenen Geist, zwar gebeugt, aber nicht gebrochen. Betrogen um ihre glänzenden Aussichten, kehrte sie in das Haus ihres Vaters zurück, wo ihr, wie es scheint, nicht die Aufnahme des verlorenen Sohnes zu Theil geworden ist.

 

Der nachfolgende Lebenslauf der Madame Bonaparte’s, jene Jahre, die sie in Europa als gefeierte Königin des Geistes und der Schönheit zugebracht, waren jedoch bisher nicht allgemein oder doch nur in vager Weise bekannt.

 

Erst die aufgefundenen Briefe an ihren Vater, welche eben aus jener Zeit ihrer gesellschaftlichen Erfolge datieren, wo Schönheiten ihre Schönheit meideten, Witzköpfe vor ihrem Witze, Könige ihre Bekanntschaft suchten und Fürsten sich um ihre Freundschaft stritten; gestatten uns, einen klaren Einblick in die glänzendste Epoche diese bemerkenswerten Frauenleben zu tun,

 

Die hier nachfolgenden Briefe lagen seit dem Ableben Mr. William Pattersons – Vater der Madame Bonaparte – das im Jahre 1836 erfolgte, in einer Rumpelkammer des Patterson-Hauses in South-Street zu Baltimore.

 

Zu Ende der siebziger Jahre wurde das Gebäude niedergerissen, um die Passage nach Germania-Street zu erweitern, und bei dieser Gelegenheit war es, wo der Inhalt der Bodenkammern für eine unbedeutende Summe in die Hände eines Schmausereihändlers kam, der das Bessere von den Papieren für sich behielt und das Übrige, worunter die nachstehenden Briefe gehörten, einem Papierhändler überliess, welcher glücklicherweise ihren Wert erkannte und sie, anstatt dieselben in die Papiermühle zu senden, dem amerikanischen Herausgeber dieser Briefe, Mr. Didier, einhändigte. Das Päckchen, welches dieselben enthielt, war sorgfältig mit roter Schur zusammengebunden und „Betty’s Briefe“ überschrieben.

 

Überdies war auch noch jeder einzelne Brief mit Namen und Datum bezeichnet, denn Mr. William Patterson, einer der ersten Kaufleute Baltimores, soll ein gar genauer und methodischer Geschäftsmann gewesen sein. Dieser Briefwechsel zeigt die drei vorherrschendsten Züge in Madame Bonaparte’s Charakter mit erstaunlicher Klarheit; den Ehrgeiz, ihre mütterliche Zärtlichkeit und die Liebe zum Gelde. Überdies aber sprechen aus diesen Blättern eine erstaunliche Weltkenntnis, eine scharfe Beobachtungsgabe und ein gieriges Haschen nach weltlichen Ehren und Auszeichnungen. Diese amerikanische Kleinstädterin, die im Alter von achtzehn Jahren zum Altar trat, um sich mit zwanzig verlassen und betrogen zu sehen, scheint das savoir vivre eines Chesterfield, den kalten Cyrismus eines Rochesoucauld und die praktische Sparmethode eines Franklin besessen zu haben.

 

Madame Bonaparte spricht in ihren Briefen den Vater nur mit dem englisch so kühlen und nichts sagenden „Dear Sir“ an. Auch legt sie – den Sohn ausgenommen – für Niemanden die geringste Neigung an den Tag. Der erste Brief ist kurz darauf geschrieben, nachdem sie Bonaparte verlassen hatte, es aber immer noch zweifelhaft blieb, ob er sie deshalb auch aufgeben würde.