Das Zusammentreffen der drei Monarchen
inmitten des Memelstromes, des Kaisers der Franzosen Napoleon I., dem Zaren
Alexander I. von Russland und König Friedrich Wilhelm III von Preußen.
Quelle:
Revolution und Kaiserreich. Aus dem Zeitalter der Gewaltherrschaft des I.
Napoleon
Auszug aus:
Die Kriege von 1805-1807 von Oskar von Lettow-Vorbeck, Oberst außer Dienst.
Vorgeschichte
…….. Bennigsen hatte
gleich nach der Schlacht von Friedland seinem kaiserlichen Herrn den Zustand
des Heeres als geradezu trostlos geschildert und den Beginn von
Friedensverhandlungen als unerlässlich bezeichnet. Dieses Schreiben traf den
Zaren in Olitta, wohin er sich zur Begrüßung der neu ankommenden Division
Lobanow begeben hatte. Es gestaltete sich zum Unglück für Preußen, dass die
Monarchen in diesen entscheidenden Stunden getrennt waren, denn auch der König
befand sich auf der Reise nach Königsberg. Alexander gestattet dem General im
Drange der Umstände, wenn er kein anderes Mittel habe, über Waffenstillstand zu
verhandeln, aber nur in seinem (Bennigsens) Namen. Sogleich benachrichtigte er
seinen Bundesgenossen von dem Geschehen und schlug ein Zusammentreffen in
Tauroggen vor. Als er aber auf der Fahr dahin die Nachricht von dem
Zurückweichen seines Heeres bis hinter die Memel erhielt, verlegte er die
Zusammenkunft nach dem 122 Kilometer weiter entfernten Sezawl und eilte dorthin
voraus. Wenngleich auch der König auf diese Nachricht sofort mit Hardenberg die
Reise begann, so traf er doch erst ein, als der franzosenfreundliche Großfürst
Constantin seinen Bruder unter Hinweis auf den gewaltsamen Tod ihres Vaters die
Zustimmung zu dem von Bennigsen zwischen Frankreich und Russland ohne Preußen
abgeschlossenen Waffenstillstand abgepresst hatte. Nur die Überlassung der
nicht in seinem Besitze befindlichen Festungen Graudenz, Kolberg und Pillau
hatte Alexander abgelehnt, im übrigen aber keinen Zweifel gelassen, dass auch
der König auf Verhandlungen eingehen werde. Der wankelmütige und charakterlose
Herrscher hatte auch sein baldiges Erscheinen in Tauroggen zugesagt, und voll
Neugierde und Hoffnung, persönlich mit dem Welteroberer in Beziehung zu treten,
verließ er Sezawl bereits am 22. Abends
Der
Waffenstillstand
Im Augenblicke der
Abreise erhielt man die Nachricht von dem Abschluss des Waffenstillstandes, der
Preußen dem übermütigen Feinde preisgab. Eine Frist von 4 bis 5 Tagen war dem
bestürzten Könige zu einer Vereinbarung gewährt, während welcher keine
Feinseligkeiten stattfinden sollten. Gegen den Rat Hardenbergs schon bestimmte
der König den Grafen Kalckreuth als Unterhändler und folgte dem Zaren am 23. Juni
1807 nach Tauroggen. Als er hier eintraf, fand er die persönliche Begegnung der
beiden Kaiser als beschlossene Sache vor. Der große Menschenkenner hatte die
geheimen Wünsche Alexanders wohl erkannt und ihn mit unvergleichlichem Geschick
zu deren Aussprechen veranlasst; damit war erreicht, was er schon Mitte März
erstrebt hatte, eine Handhabe, um auf den russischen Hof einzuwirken. Nun
mochte er mit dem Beherrscher des ganzen östlichen Europas persönlich zu
unterhandeln und die volle Überlegenheit seiner Beredsamkeit und Welterfahrung
dem jüngeren Manne gegenüber zur Geltung zu bringen, der zu dem
unüberwindlichen Feldherrn bewundernd emporblickte.
Begegnung zwischen
Napoleon und Alexander im Memelstrom
Die erste Begegnung
fand am 25. Juni 1807 auf einem inmitten des Memelstromes verankerten Flosse
unter den oft beschriebenen Feierlichkeiten statt, Napoleon verstand es, seinen
neuen Freund derart für sich einzunehmen, dass dieser schon am folgenden Tage
seinen Sitz ganz nach Tilsit verlegte, und hier war es, wo die beiden Herrscher
in den folgenden Tagen unter vier Augen die Geschichte Europas bestimmten. Da
die beiderseitigen Minister nur nachher zu der schriftlichen Feststellung des
mündlich Vereinbarten zugezogen wurden, wobei sich einige Differenzen ergaben,
so sind nur wenige Schriftstücke vorhanden, die über die Natur der
Unterhandlungen Aufschluss geben. Sie genügen aber, um erkennen zu lassen, wie
weit die Forderungen Napoleons anfangs gegangen sind. Er verlangte sämtliche preußischen
ehemals polnischen Gebiete und wollte sie, wie das ebenfalls begehrte
Schlesien, seinem Bruder Jerome überweisen. Eine so gefährliche Nachbarschaft
wehrte Alexander aber entschieden ab; es gelang ihm sogar, die Provinz Westpreußen
mit Ausnahme des Kulmer Bezirks für seinen Verbündeten und hiermit die
Verbindung Ostpreußens mit dessen Monarchie zu retten. Jerome erhielt das neu
gebildete Königreich Westphalen, der König der Sachsen das Herzogtum Warschau,
bestehend aus den von Preußen abgetretenen Provinzen Neu-Ostpreußen, den Kulmer
Bezirk, Südpreußen ohne einen Teil nördlich der Netze. Danzig wurde zu einem
Freistaat erklärt, und der Bezirk von Bialystok fiel an Russland an Stelle des
von Napoleon angebotenen am rechten Memelufer gelegenen Teils von Ostpreußen.
Man hat Alexander aus dieser Bereicherung auf Kosten seines Verbündeten einen
schweren Vorwurf gemacht, jedoch mit Unrecht. Dieser Bezirk, erst seit wenigen
Jahren in preußischem Besitz, wäre anderenfalls an das Herzogtum Warschau
gefallen; auch bildete er die Entschädigung für das Fürstentum Jever und die
ionischen Inseln, zu deren Abtretung der Zar sich genötigt sah.
Die
Friedens-Verhandlungen
Von Verhandlungen auf
gleichem Fuße war zwischen ihm und seinem neuen Freunde keine Rede; das sollte
der Besiegte bald spüren. In einem gleichzeitig mit dem Frieden geschlossenen
geheimen Schutz- und Trutzbündnis musste sich Russland verpflichten, mit seinen
gesamten Streitkräften der Sache Frankreichs beizutreten, wenn England sich
weigere, die eroberten Kolonien herauszugeben. Da diese Weigerung sich bestimmt
erwarten ließ, so bedeutete es Krieg mit England und Schädigung des russischen
Handels, der durch den Beitritt zur Kolonialsperre, d. h. Schließung seiner
Häfen gegen englische Schiffe, noch vollkommener lahm gelegt wurde. Es waren
Verpflichtungen lediglich im Interesse Frankreichs, welche auf die Dauer für
ein großes unabhängiges Reich unerträglich werden musste.
Zwischen Preußen und
dem Sieger fanden kaum Verhandlungen statt. Friedrich Wilhelm musste hinnehmen,
was die beiden Herrscher über seine Staaten beschlossen hatten. Es blieb ihm
wenig mehr als die Hälfte des bisherigen Besitzes. Bittere Demütigungen musste
der König ertragen. Als sich Napoleon und Alexander auf dem Memel trafen, hatte
Friedrich Wilhelm, in einem russischen Mantel gehüllt, inmitten russischer
Offiziere, unter strömenden Regen am Ufer wartend zugesehen. Am folgenden Tage
wurde er zu einer Begegnung mehr zugelassen, als eingeladen. Der Pavillon, in
dem man sich besprach, trug nur die Initialen der Namen Napoleons und
Alexanders; der gewaltige Korse unterließ, seine Umgebung dem Könige
vorzustellen und schloss ihn aus von seiner Tafel. So behandelte der
Emporkömmling den Nachfolger des grossen Friedrich in dessen eigenen Lande.
Außer schwersten Landesabtretungen forderte er die Entfernung Hardenbergs aus
der preußischen Regierung, griff also selbst in diese hinüber. Die furchtbare
Anspruchsfülle Napoleons, der schleppende Gang der Friedens-Verhandlungen gaben
erst Kalckreuth, dann auch Hardenberg den Gedanken ein, es mit der bezwingenden
Anmut der Königin zu versuchen.
Königin Luise
Am 3. Juli empfahl der
König ihr dringend die Reise zum Orte der Verhandlungen. Die edle, stolze
Königin hatte in Memel schwere Tage verlebt. Jetzt gehorchte sie, freilich
hoffnungslos, dem Wunsche ihres Gemahls: sie fühlte sich gleichsam im Dienste
des Vaterlandes. Hardenberg und Kalckreuth bereiteten sie möglichst vor auf die
Begegnung mit Napoleon. In Tilsit beim Könige traf sie Kaiser Alexander und den
Grafen Goltz, den Nachfolger Hardenbergs: beide waren trostlos über den Stand
der Verhandlungen, beide beschworen die Königin, in der die letzte Hoffnung
ruhe, den Staat zu retten. Da wurde die Ankunft Napoleons gemeldet. Er kam, von
glänzendem Gefolge umgeben, eilte die Treppe hinauf und stand Luisen gegenüber.
Nie war ihre Schönheit berückender, ein weißes silbergesticktes Kreppkleid
verhüllte ihren schlanken Körper, auf dem Haupte strahlte ein Perlendiadem.
Napoleon machte ihr nicht den widerwärtigen Eindruck, den sie erwartet hatte,
besonders gefielen ihr sein lächelnder Mund und der Cäsarentypus seines
Gesichts. Sie sprach zu ihm als Gattin und Mutter und bat um Milderung der
Friedensbedingungen. Napoleon wollte ablenken, sie aber kam auf ihren
Gegenstand zurück und suchte mit rührenden Worten die Regung des Mitleids und
der Menschlichkeit in dem Unbarmherzigen zu erwecken. Er gab höfliche und
freundliche Worte, aber keine festen Zusagen. Das rasche Eintreten Friedrich
Wilhelms machte der Unterhaltung, die fast eine Stunde gedauert hatte, ein
Ende. Der König glaubte die frohesten Hoffnungen hegen zu dürfen. Es folgte ein
Mahl, an dem außer dem preußischen Herrscherpaare Napoleon, Alexander und
einige andere teilnahmen. Die Gespräche waren ungezwungen und lebhaft; im Laufe
desselben wurde Luise die berühmten Worte gesprochen haben: „Der Ruhm Friedrich des Grossen hat uns über unsere Macht
getäuscht.“
Aber Napoleon war
nicht gesonnen, auf die Wünsche und Bitten der Königin einzugehen. Er beschloss
ein Ende zu machen. Noch am Vormittage des nächsten Tages, am 7. Juli, ließ er
den Grafen Goltz rufen, dem er die schneidend harten Bedingungen ankündigte,
unter denen ohne Aufschub der Verhandlungen der Friede zwischen Frankreich und Preußen
geschlossen werden müsse. Sie erschienen noch schwerer und drückender als die
früheren. Am Nachmittage ritt Napoleon zweimal am Hause Luises vorbei, ohne
Besuch zu machen. In demselben Staatswagen, mit demselben Ceremoniell wie tags
zuvor, fuhr die Königin auch heute zum Festmahle des Gewaltigen. Aber die
Stimmung war anders, die Gäste waren traurig, Napoleon erkünstelte Unwillen,
und als die Königin nach Tisch noch einige bittende Worte wagte, fuhr er sie
rauh an: „Wie können Sie mich noch zuguterletzt martern
wollen?“
Nähere Bestimmungen
des Friedens-Vertrages
In den näheren
Bestimmungen des Friedens-Vertrages wusste Napoleon die Zugeständnisse, die er
Alexander zu Gunsten Preußens gemacht hatte, hinfällig zu machen. Die Räumung
des Landes und der Festungen sollte erst nach Zahlung der Kriegssteuern
erfolgen; diese wurden aber über 100 Millionen angesetzt, eine Summe, die das
völlig ausgesogene Land in absehbarer Zeit gänzlich außer stande war
aufzubringen. So blieb dann eine französische Armee von 100'000 Mann in den dem
Könige belassenen Gebieten. Es galt aber nicht nur die Niederhaltung Preußens,
über dessen feinselige Gesinnung sich der Diktator Europas niemals getäuscht
hat, sondern, was für ihn weit wichtiger war; die große Armee zwischen Elbe und
Passarge sollte auf Russland einen Druck zur Erfüllung der eingegangenen
Verpflichtungen ausüben und Österreich mit seinen schlecht verhehlten
kriegerischen Gelüsten in Schach halten.
Kaiser Franz von Österreich
Gewiss hätte Kaiser
Franz sich gern auf die Seite der Verbündeten gestellt, um seine verlorenen
Provinzen wieder zu erlangen. Vorbedingung hierzu war aber eine Niederlage der
französischen Waffen. Nach Eylau glaubte man den Zeitpunkt der Erhebung gekommen,
aber durch das diplomatische Geschick Napoleons getäuscht, erkannte man nicht
dessen große Schwäche. Seitdem besserte sich seine militärische Lage zusehends;
die Aufforderung zum Beitritt zur Bartensteiner Konvention traf fast
gleichzeitig mit der Nachricht von dem Falle Danzigs ein. Nun wagte der Wiener
Hof erst recht nicht, Partei gegen Frankreich zu ergreifen, sondern er
fürchtete Abmachungen zwischen den kriegsführenden Mächten ohne seine
Mitwirkung. Endlich entschloss man sich zur Absendung des Generals von
Sutterheim in das Lager der Verbündeten. Als dieser am 9. Juli in Tilsit
anlangte, fand er überall fertige Verhältnisse. Wenn von Hardenberg und in
bedingter Weise auch von Beer gesagt worden ist, er habe den Beitritt seines
Monarchen zur Sache der Verbündeten überbracht, so ist das ein Irrtum, der ganz
unzweideutig aus seiner Instruktion hervorgeht, welcher der Verfasser dieser
Abhandlung veröffentlich hat. Jene schrieb ihm ausdrücklich vor, er habe sich
allem zu enthalten, was als eine bestimmte Verpflichtung gedeutet werden könne.
Klar zeigen sich in diesem Schriftstücke die Befürchtungen der Errichtung eines
selbständigen Polens und eines Bruches mit der Pforte. Es war die polnische und
orientalische Frage, die ebenfalls tief in die Interessen Russlands eingriff,
und die in den Tilsiter Abmachungen nicht gelöst, sondern nur verschoben war.
Bei den hierbei vorhandenen scharfen Gegensätzen und bei den für Russland
überaus drückenden Bedingungen der Kontinentalsperre war eine gewaltsame Lösung
in kürzerer oder längerer Zeit sehr wahrscheinlich, und deshalb ist der Friede
von Tilsit mehr als eine bloße Waffenruhe zu betrachten.
Schlussbetrachtung
Immerhin hatte
Napoleon mehr durch sie erreicht, als wenn er seine augenblickliche
militärische Überlegenheit zur Weiterführung des Krieges benutzt hätte, denn er
war sich der damit verbundenen Gefahren wohl bewusst. Bereits am 19. März hatte
er geschrieben: „Nur Frauen und Kinder können sich
einbilden, dass sich der Kaiser in die Gefahr begeben wird, in die Wüsten
Russlands einzudringen.“ Wir müssen deshalb die Selbstbeherrschung des
Eroberers und die Weisheit des Staatsmannes anerkennen, wenn er seinem
siegreichen Heere an der Memel Halt gebot und auf dem Wege der Unterhandlung
gewann, was ihm keine weiteren Erfolge auf dem Schlachtfelde zu bieten
vermochten.
E N D E